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BERICHTE

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FESTIVALBERICHT - Neusüdende

(aus Music-Eagle Juli/September 2002)

Der Veranstalter, Klaus Grotelüschen rief und (fast) alle kamen.  Ein paar hundert Country & Bluegrass Fans fanden sich zu Pfingsten wieder zum traditionellen Pfingstfestival in Neusüdende ein. Schon zum 37. Mal fand dieses wohl älteste Country Music Festival Europas statt. Schon am frühen Samstagmorgen hatten sich zahlreiche Fans und Plattensammler zur traditionellen Schallplatten & CD  Börse auf dem Parkplatz des Lindenhofes eingefunden. Hier wurde wie immer gehandelt, getauscht und gefachsimpelt. Es wurden alte Freundschaften erneuert und neue geschlossen. Man kam sich wieder vor wie in einer großen Familie. Bei bestem Wetter freuten sich alle über ihre "Beute". Der langjährige Sammler, der wieder mal ein lang gesuchtes Stück  gefunden hatte ebenso wie der Neuling der günstig neues seiner Favoriten gefunden hatte. Schnell fanden sich überall auf dem Gelände, zu dem auch ein Campingplatz für die Besucher gehört, zahlreiche Musiker zum gemeinsamen musizieren zusammen. Egal ob Profi oder Anfänger, hier wird gemeinsam Musik gemacht aus Freude an der Musik und zur Freude derer die sich lieber auf das Zuhören beschränken.

So eingestimmt war der Saal im Lindenhof dann auch pünktlich zum Beginn des offiziellen  Programms um 16.00 Uhr gut gefüllt. Der Veranstalter konnte wieder fast ausnahmslos amerikanische Künstler präsentieren. Anfangen sollte eigentlich die Demolition String Band aus New York, aber die waren noch auf der Autobahn, nachdem ihnen ihr Tourbus in Holland mit Motorschaden liegengeblieben war. So machte die Band Greyhound Soul spontan den Anfang. Diese Band ist mehr im Randbereich der Country Music Zuhause. Was der Songwriter und Sänger Joey Pena hier mit seiner Band bot ist nur schwer irgendwo einzuordnen. Ich will trotzdem versuchen das Gehörte hier zu beschreiben. Angekündigt war eine Mischung aus Country, altem Blues und staubtrockenem Wüstenrock. Diese Beschreibung trifft es dann auch recht genau, was da von der Bühne kam, wobei der "Wüstenrock" eindeutig dominierte. Hier wurde mit fast minimalem Aufwand eine überwiegend ruhige, ganz eigene Art der Rock Musik zelebriert. Weder auf der Bühne noch mit dem Publikum wurde länger gesprochen. Die Band schien völlig in ihre Musik versunken und schien auch kam noch etwas um sich herum wahrzunehmen. Man ließ die Musik für sich sprechen. Neil Young, Tom Waits aber auch Bob Dylan standen hier oft Pate. Die kratzige, wie von Whiskey getränkt klingende, Stimme von Joey Pena tat ein Übriges, um diesen Eindruck zu verstärken. Ein Teil des Country & Bluegrass orientierten Publikums hatte dann auch so seine Probleme sich mit dieser Musik anzufreunden, während andere hell auf begeistert waren.

Nach kurzer Umbaupause legte dann die englische Band Johnny & the Roccos mit waschechtem Rock ‚n' Roll und Rockabilly los. Hier war vom ersten Moment an Party und Stimmung angesagt. Mit scheinbar unbremsbarem Temperament trieb der Bandleader Bob Fish seine Mitmusiker und das Publikum an. Johnny & the Roccos spielten zahlreiche Klassiker des Rock ‚n' Roll und des Rockabilly und streuten auch alte Countrysongs mit ein. Begleitet von einem kleinen Schlagzeug und einem Bass zeigte Bob Fish sein ganzes Können auf der Gitarre. Er spielt seit etwa zwanzig Jahren die Original -Gitarre von Scotty Moore, dem Original Gitarristen von Elvis. Und Bob Fish steht ihm im Können an diesem Instrument in nichts nach. Mit Können und Begeisterung schaffte dieses Trio es denn auch das "Fünfziger Jahre Feeling" wieder lebendig werden zu lassen. Sie spielten ihre ganze Erfahrung aus, um ihr Publikum zu begeistern. Johnny & the Roccos waren schon mit so bekannten Künstlern wie Chuck Berry, Wanda Jackson, Little Richard, Fats Domino,  Emmylou Harris und vielen anderen auf Tour. Um einen möglichst authentischen Klang seiner Musik zu erreichen nutzt Bob Fish fast ausschließlich die Originaltechnik der 50er Jahre. Die Begeisterung der Band übertrug sich schnell auf das Publikum und so feierte man eine große Party.
Nach dem Auftritt wurde dann die Pause vorgezogen, um der inzwischen mit einem Leihwagen eingetroffenen Demolition String Band die Möglichkeit zum Soundcheck zu geben. Nach der Pause legte diese Band dann auch gleich los. Schon nach den ersten Tönen wurde einem klar, warum diese Band im Moment zu den angesagtesten Bands der amerikanischen Clubszene gehört. Bunt gemischt boten sie alle Spielarten der Country & Bluegrass Musik an. Coversongs aus den letzten sechzig Jahren mischen sich mit eigenen Werken in bunter Folge. Mit viel Spielwitz und noch mehr Spielfreude boten sie für jeden etwas. Die Band formierte sich 1996 als die Buchhändlerin Elena Syke in ihrem Laden Bluegrass - Sessions abhielt und dort auf Boo Reiners und sein Banjo traf. Diese Beiden sind auch jetzt noch das Herzstück dieser Band. Sie teilen sich den Leadgesang, wobei Elena Syke deutlich mehr singt. Sie steuert auch die Mandoline und die Akustik Gitarre bei, während Boo Reiners für die elektrischen Gitarren und das Banjo zuständig ist. Beides beherrscht er hervorragend. Vervollständigt wird die Band durch Michael Smith an den Drums, der die Drums präzise wie ein Uhrwerk bearbeitet, und durch Anne Husick am Bass. Selten hört man einen Bass, der so einfallsreich ja fast phantasievoll und nuanciert gespielt wird. Die Demolition String Band konnte hier voll überzeugen und ich bin sicher, man wird von dieser Band und ihrer verspielten,  vielseitigen Art der Country Musik noch viel hören. Wer immer die Gelegenheit hat, sollte sich diese Band anhören.

Nahezu nahtlos ging es weiter mit der jeweils zweiten Runde für jede Band. Hier gebührt auch dem Techniker Erwin Wilken und seinem Team ein großes Lob. Es reichten an beiden Tagen sehr kurze Umbaupausen und auch an dem Sound gab es an beiden Tagen nichts auszusetzen. Dass es am Samstag deutlich lauter war als am Sonntag lag nicht an der Technik, sondern vielmehr an der Instrumentierung der Bands. Den zweiten Teil des Samstages eröffneten wieder die "Wüstenrocker" von Greyhound Soul gefolgt von der Demolition String Band. Beide Bands konnten die Bühne nicht ohne mehrere Zugaben verlassen. Den Abschluss des ersten Tages machten dann Johnny & the Roccos. Hier wurde noch mal bis tief in die Nacht Party gefeiert. Die letzten Gäste des Samstages sollen fast mit den ersten Besuchern der Plattenbörse am Sonntag zusammengestoßen sein.

Auch am Sonntag Morgen war wieder reger Betrieb auf der Plattenbörse und auch einige unentwegte Musiker hatten sich schon wieder (oder immer noch?) zusammengefunden. So verging die Zeit schnell bis zum Konzertbeginn um 14.00 Uhr. Alle Bands des Sonntags kamen aus dem Mutterland "unserer" Musik. The Moonlighters aus New York machten den Anfang. Auch sie spielten eine Musik, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zur Country Musik zählt. Die Musik der Moonlighters ist noch schwerer zu beschreiben, als die von Greyhound Soul am Samstag. Den Moonlighters ist es gelungen, eine ganz eigene Musikform zu kreieren. Ich habe jedenfalls noch nie etwas auch nur annähernd vergleichbares gehört. Ihren Ursprung hat die Musik der Moonlighters in der Hawaiianischen Musik, wie sie unter anderen Sol Hoopii und Andy Iona bekannt gemacht haben. Also Musik die an der Hawaiianischen Steel Guitar orientiert ist. Dazu hat die Band die Cafehaus Musik der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und etwas Jazz gemischt. Das ganze kombiniert mit Gesang im Stile der Andrew Sisters und man hat ungefähr eine Ahnung wie die  Moonlighters klingen. Gründer der Band sind Henry Bogdan, der die Steel Guitar Klänge beisteuert, er bedient sich dabei allerdings der Dobro, um diese Klänge zu erzeugen. Zum einen mittels einer Stahldobro und zum anderen mit einer als Gitarre gespielten Holzdobro. Zweites Gründungsmitglied ist die Sängerin Bliss Blood, die auch die Ukulele spielt. Hinzu kommen der Bassist Andrew Hall und die Akustik Gitarristin Carla Murray. Carla singt auch die zweite Stimme und übernimmt gelegentlich den Leadgesang. Der harmonische Duettgesang von Bliss Blood und Carla Murray sucht seinesgleichen. Als Gast hatte die Band einen Posaunisten mitgebracht, der auch einige Gesangsparts übernahm. Es war wohl das erste Mal, dass in Neusüdende ein Posaunist mit auf der Bühne stand. Er fügte sich harmonisch mit in das Gesamtbild der Band ein und spielte leise und phantasievoll. Es schien als gehörte er schon immer dazu. Die Moonlighters sorgten bei dem Publikum mit ihrer einzigartigen Art der Musik für Begeisterung und man konnte nachvollziehen warum die Moonlighters bei ihrem Langzeit Engagement im Tramps Café (New York) vom Mai 1998 bis Juli 1999 täglich für ein ausverkauftes Haus gesorgt haben.

Als zweite Band folgten The Hickory Project, sie boten traditionelle Bluegrass Musik. Mit vielen eigenen Songs und einigen wenigen ausgesuchten Stücken anderer Autoren wartete dieses Duo auf. Sue Cunningham mit ihrer hellen klaren Stimme und ihren meisterhaften Fiddlespiel ist die treibende Kraft dieses Projektes. Schon als Kind lernte sie in ihrer Heimat Pennsylvania Fiddle zu spielen. Dort gründete sie mit den Flying Cunninghams auch ihre erste eigene Band. Später ging sie für acht Jahre nach Florida und spielte dort in verschiedenen Bands. Seit ihrem Zusammentreffen mit ANTHONY HANNIGAN bildet sie mit ihm das Hickory Projekt. Anthony Hannigan begann schon als vierjähriger Mandoline zu spielen und wurde 1999 auf diesem Instrument zum National Mandolin Champion. Auch die Akustik Gitarre weiß er meisterhaft zu bedienen und sein dunkler, kräftiger Gesang kann begeistern. Er schreibt auch die meisten Songs der Formation. In den USA spielen sie mit weiteren Musikern in unterschiedlichen Besetzungen, so fiel es ihnen auch nicht schwer ihren Gast zu integrieren. Während ihrer Europatour hatten sie den tschechischen Meister - Gitarristen Slavek Hanzlik kennengelernt und als Bassisten und Gitarristen gleich mit nach Neusüdende gebracht.  Slavek war 1997 schon mal mit seiner eigenen Band bei dem Festival dabei gewesen. Zusammen spielten die drei wunderschöne ruhige Bluegrass Musik zum Genießen.

Als dritte Band des Tages waren Sally Jones and the Sidewinders an der Reihe. Um es gleich vorweg zu nehmen, für viele war diese Band das absolute Highlight des Festivals. Wundervolle  Bluegrassmusic, mit zum Teil vierstimmigen Gesang, brachten sie zu Gehör. Die aus Alberta in Kanada stammende Sally Jones überzeugte vom ersten Ton an mit ihrer hellen, klaren Stimme die sie kraftvoll und doch sanft einzusetzen wusste. Obwohl sie eine exzellente Songschreiberin ist greift sie doch auch immer wieder auf die Songs anderer Autoren zurück, die sie in ihrer ganz eigenen Art darbietet. Immer wieder greift sie dabei auch auf Titel ihres Landsmannes Ian Tyson zurück, die bei ihr zu Bluegrass - Songs werden. In ihrer Band hat Sally Jones bekannte Musiker zu einer Einheit zusammengeführt. Der Bassist Mickey Harris übernimmt auch bei vielen Songs den Part der männlichen Leadstimme. Mickey Harris kann in diesem Zusammenhang auch schon auf eine eigene Solo CD verweisen. Auch im Duett mit Sally Jones wussten die beiden absolut zu überzeugen. Am Banjo ist Kristin Scott Benson dabei. Sie war schon im letzten Jahr mit Laurie Lewis auf Deutschland Tour, gehört aber schon seit vielen Jahren fest zu den Sidewinders. Kristin zählt zu den bekanntesten  Banjospielerinnen der USA und hat auch schon zwei Solo CD's auf ihrem Konto. Sie stellte ihr Können hier ganz in den Dienst der Band und glänzte immer wieder mit einigen Instrumentalstücken. Bei diesen lieferte sie sich packende Duelle mit dem Mandolinisten .............. der Band. Beide stehen sich im Können in nichts nach und bekamen von Publikum immer wieder Szenenapplaus. Wer Bluegrass Music mag, kommt an dieser Band nicht vorbei.
Nach der Pause waren alle Bands noch einmal an der Reihe. Es begannen The Hickory Project gefolgt von The Moonlighters. Beide Bands kamen natürlich nicht ohne Zugaben von der Bühne. Den goldenen Abschluss dieses tollen Festivals machten dann wieder Sally Jones & the Sidewinders. Das Publikum wollte diese Band gar nicht wieder von der Bühne lassen und erklatschte sich drei Zugaben und bedankte sich bei der Band dafür mit stehenden Ovationen. Kaum war im Saal der letzte Ton verklungen sammelten sich auf dem Gelände wieder diverse Musiker um gemeinsam in bunten Formationen Musik bis in die tiefe Nacht zu machen.

Das nächste Highlight in Neusüdende wirft schon seine Schatten voraus und sollte bei jedem Country & Bluegrass Fan ganz oben im Kalender stehen. Am 26. Oktober diesen Jahres findet im Lindenhof das 19. Herbstfestival statt. Mit dabei wird unter anderem die bekannte amerikanische Bluegrass - Künstlerin Valerie Smith mit ihrer Band Liberty Pike sein. Und auch nächstes Jahr zu Pfingsten wird es wieder heißen: Country & Bluegrass in Neusüdende.

Rolf Baerenwald

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