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INTERVIEWS

[Inhalt Interviews]

Fair Play Interview

(aus Music-Eagle April/Juni 2002)

MUSIC-EAGLE – Thomas Fürst = ME
FAIR PLAY -
Jörn Riemann = JR
FAIR PLAY –
Michael Lohrengel = ML

ME: Hallo Jörn, Hallo Michael! Fangen wir gleich mit der Fragerei an. Seit wann gibt es das Duo Fair Play schon?

JR: Dieses Jahr im Herbst feiern wir unser 10 jähriges Jubiläum – also schon ganz schön lang.

ME: Beschäftigen wir uns zunächst mal mit der Zeit davor. Michael, wann und wo bist Du geboren und aufgewachsen?

ML: Ich bin 1954 in Dortmund geboren, habe dann später lange Zeit im hessischen Marburg gewohnt und bin 1990 in Berlin aufgeschlagen.

ME: Michael, wie begann Dein musikalischer Werdegang? Und wie bist Du zur Country Musik gekommen?

ML: Es hat angefangen mit der Gitarre in der Schulzeit. Wir haben damals alles gespielt, was mit Gitarre zu tun hatte – Beatles, Stones , Hendrix, ein bisschen Klassik, Folk, etc. Ein bisschen ernster habe ich dann “fingerpicking” gemacht, Hannes Wader war sehr angesagt. Über diese Folksachen bin ich dann zu Bluegrass und später zur Countrymusic gekommen.

ME: Jörn, Dein Werdegang unterscheidet sich bestimmt erheblich von dem Deines Kollegen. Du bist, soweit ich weiß in Osten des Landes aufgewachsen und hast ja bestimmt dort Deine ersten musikalischen Schritte gemacht. Erzähl den MUSIC-EAGLE-Lesern bitte davon.

JR: Als Kind musste ich die Geige quälen, da ich aus einem sehr musikalischen Elternhaus stamme. Dazu gesellten sich bald die Gitarre und Mundharmonika. Als Schüler spielte ich bereits in verschiedenen Amateurbands. Nach Abschluss der Schule studierte ich in Dresden an der Hochschule für Musik Gesang.

ME: Jörn, und wann bist Du geboren?

JR: 1958

ME: Wie seit Ihr zwei Euch über den Weg gelaufen?

JR: Wir waren beide Anfang der 90er in Berlin in Sachen Countrymusic unterwegs, Michael mit “Western Union”, ich mit “Bibers Farm”, da kannten wir uns locker vom Sehen und Hören. Als dann zufällig bei uns beiden die Arbeit mit der bisherigen Band nicht mehr weiter ging haben wir einfach gedacht – probieren wir’s mal zusammen. Auslöser war eine Jamsession bei einem Benefizkonzert Anfang 92 in einem Kulturhaus in Berlin.

ME: Es sind ja nun viele Jahre, die es Fair Play gibt. Und ich denke stets mit steigendem Erfolg. Ihr seit inzwischen so was wie eine Kultband in Deutschland geworden. Warum habt Ihr keinen Vertrag bei einer großen Plattenfirma?

ML: Wow, Kultband, ich dachte, dazu muss man schon tot oder mindestens aufgelöst sein !! Die Frage nach dem Plattenvertrag kann man einfach beantworten: Weil jeder A+R Manager von jeder Plattenfirma soweit wie möglich wegläuft, sobald er nur das Wort “Country” hört. Mindestens in den letzten 10 Jahren hat keine größere Plattenfirma ernsthaft etwas mit Country gemacht. Die etablierten Künstler wie Truck Stop, Tom Astor etc. laufen weiter, aber niemand glaubt daran, dass ein neuer Name 20.000 Alben verkaufen könnte – und darunter ist es für eine Plattenfirma einfach uninteressant. Ich finde aber, das sollte kein Grund zum Jammern sein. Nirgends steht geschrieben, das man ohne Plattenfirma nicht leben kann. Man kann !! Es ist zwar mit mehr Arbeit verbunden, weil man dann seine eigene Plattenfirma, sein eigenes Konzertbüro, seine eigne PA Firma etc., ist – aber dafür ist man auch in der Lage, die Dinge so zu machen, wie man das selber möchte und muss Umsätze nicht mit einem Rattenschwanz von anderen Leuten teilen.

ME: Diese Sichtweise der Dinge gefällt mir sehr gut. Ihr habt Euch dazu entschieden mit deutschen Texten zu arbeiten. Was waren die Gründe dafür?

ML: Simple Gegenfrage: Warum machen wir dieses Interview in Deutsch ?? Weil man es versteht !!

ME: Warum habt Ihr dann einen englischen Namen für Euer Duo ausgewählt?

ML: Ha, jetzt wird’s spitzfindig. Aber wir können gegenhalten: Fairplay ist inzwischen einfach auch ein deutscher Begriff geworden.  Als wir 1992 angefangen haben, hatten wir zunächst hauptsächlich ein englisches Programm, wir wussten aber, dass wir unbedingt eigene Titel auf deutsch singen wollten. Um dem Rechnung zu tragen haben wir nach einem “zweisprachigen” Namen gesucht, der in beiden Sprachen ohne Übersetzung unmittelbar verstanden wird. Und darüber hinaus ist Fairplay auch schon mal ein gutes Grundprinzip für eine Band.

ME: 1993 erschien schon kurz nach Eurer Gründung das Album EIN FALL FÜR ZWEI. War der Titel bewusst eine Anspielung auf die Krimiserie?

JR: Na klar, wenn ein Duo eine CD “Ein Fall für zwei” nennt, dann passt das doch ganz gut. Außerdem war auf der CD ein Song, der fast nur aus Titeln von damals bekannten Fernsehsendungen bestand und der hieß sinniger weise auch “Ein Fall für zwei”.

ME: Auf dem Album ist der Titel JEDER MENSCH BRAUCHT EIN ZUHAUS, eine deutsche Version des Songs COUNTRY ROADS. Wolltet Ihr den Fans eine Freude machen oder war es Euch ein ganz persönliches Bedürfnis ausgerechnet diesen Song in deutsch zu machen?

ML: Sagen wir mal so: Es war uns ein Bedürfnis, einen Titel, der von jeder Countryband gewünscht und erwartet wird, so zu interpretieren, dass dabei eben nicht die 1000. Kopie eines Klassikers wird, sondern etwas ganz eigenes. Und in diesem Fall haben wir das über einen eigenen Text versucht.

ME: WHEN A MAN LOVES A WOMAN ist nicht grad ein Country Song. Nun habt Ihr dem Lied einen deutschen Text verpasst (WENN EIN MANN EINE FRAU LIEBT), was auch nicht typisch Country ist und heraus kommt ein Country Song, wie geht das?

ML: Ist es denn ein Countrysong geworden ?? Und ist es überhaupt wichtig, ob es ein Countrysong ist ?? Und wer entscheidet, ob Country oder nicht – die Countrypolizei ?? Ach, so viele Fragen.

ME: Da frag ich mich doch jetzt, wer ist spitzfindig... Schon 1994 kam dann das Album “DARF’S EIN BISSCHEN MEHR SEIN?” raus. Für mich persönlich der Grundstein Eurer heutigen Musik. Ein deutlicher Unterschied zum ersten Album und sicher einer der Gründe für Euren großen Erfolg. Ich würde es mal vorsichtig sarkastisch und lustig bezeichnen wollen. Und auch ein wenig politisch. Songs, wie KÜSS MICH NOCH EINMAL, KLEINER VAMPIR wären total geeignet gewesen für das Radio. War es enttäuschend für Euch, dass von Radio und Fernsehen kaum Interesse kam?

ML: Zunächst mal waren wir einfach sehr, sehr froh, dass die Songs in unserem “Countryumfeld” so gut aufgenommen worden sind. Was die Medien angeht muss man einfach realistisch sagen, die spielen, außer in kleinen Nischen, sowieso nichts, was nicht schon ein Hit ist und erst recht nichts, wo auch noch “Country” drauf steht. Und wenn doch mal, dann eben Truck Stop, Tom Astor und die üblichen Verdächtigen. In diese Lage ist aber nicht nur die Countrymusic: Blues, Folk, Liedermacher, Jazz, denen geht´s genauso.

Aber dann ist diese, ohnehin schon kleine Countryszene, auch noch aufgeteilt in lauter kleine Königreiche, die untereinander ihre Eigeninteressen gegenseitig durchsetzen wollen. Zeitschrift A gegen Zeitschrift B, Veranstalter A gegen B, New Countryfans gegen deutschsprachige Musik, Linedancer gegen Nicht - Tänzer ( manchmal auch Linedancer gegen Linedancer ) und, und, und - die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen.

ME: Wir versuchen nach Möglichkeit alle Bereiche abzudecken, wo ehrlich gemeint mit der Musik “gearbeitet wird”. Aber ich versteh, was Du meinst. Nun denn. Es sind ja zwei ganz besondere Songs auf dem Album. SOMMERFEST IN DER LAUBENKOLONIE hat mit Euch zusammen inzwischen Kultstatus und dann der Friedenssong SOVIEL BLUT IST KEINE FAHNE WERT. Hattet Ihr Angst, dass Country Fans es Euch übel nehmen, wenn Ihr dazu die Melodie vom DIXIE verwendet?

ML: Ehrlich gesagt, ja !! Allerdings war es dann aber eine ganz tolle Erfahrung, als wir festgestellt haben, dass wir dazu gar keinen Grund hatten. Das Countrypublikum hat diesen Text so begeistert aufgenommen, dass sich außenstehende Beobachter hüten sollten, “Country” als dumpfbacken oder sogar rechtslastig zu beschreiben. Vielleicht passt da schon besser der alte Spruch “rauh aber herzlich”.

ME: SOVIEL BLUT... macht klar, dass Ihr politische Meinungen habt. Das ist in der deutschen Country Szene eine Ausnahme. Nutzt Ihr die Möglichkeiten Künstler zu sein gezielt, um dem Zuhörer Eure Meinung mitzuteilen?

ML: Also, wir singen und schreiben Songs über das, was uns in unserem Land und unserem Leben passiert und begegnet. Wenn andere Künstler dabei nie auf ein “politisches” Thema kommen, dann leben Sie vielleicht in einem andern Land ?? Songs zu schreiben heißt immer auch, eine Meinung zu haben und sie eben mitzuteilen. Das ist übrigens nicht nur bei vermeintlich politischen Liedern so. Schau Dir mal das Frauenbild im deutschen Schlager der 60er Jahre an. Daran kann man sehen, dass auch in ganz unpolitischen Aussagen unterschwellig ganz viel an “Politik” transportiert wird. Und durch konsequentes Weglassen von “politischen” Themen wird eben auch, bewusst oder unbewusst, Politik gemacht.

ME: Seit Ihr außerhalb der Musik politisch aktiv?

JR: Leider nicht mehr – die Zeit reicht nicht !!

ME: Das dritte Album GÄNSEHAUT kam dann 1997 auf den Markt. Wieder mit absoluten Highlights. Gibt es Konzerte, wo Ihr nicht gebeten werdet den KÜMMERLING BLUES zu spielen?

JR: Kann mich jedenfalls nicht erinnern.

ME: Mit GÄNSEHAUT habt Ihr Euch ein bisschen vom Country entfernt. War das Absicht oder eher Zufall?

ML: Weder Absicht noch Zufall. Es gibt keine feste Marschroute beim uns: Jetzt müssen wir das mal so oder so machen!! Wir probieren einfach herum bis wir glauben, für den jeweiligen Song die beste Interpretation gefunden zu haben.

ME: ZAUBERSPRUCH ist für mich persönlich einer der besten deutschen Country Songs. Der Song klingt so “mitten aus dem Leben”. Schreibt Ihr eure Songs “Mitten aus dem Leben”?

ML: Ja.

ME: Country mit Cöpfchen ist Euer Werk von 1999. APFELTRAUM ist eine ungewöhnliche Idee. Erzählt mal was dazu.

ML: Wir machen mit vielen Songs den Versuch, zwei Welten zusammenzubringen: Die “Musikseite” der Countrymusic mit Inhalten, die uns etwas näher liegen als der Wilde Westen.. “Apfeltraum”  von der Renftcombo ist im Osten so etwas wie ein Klassiker und wir hatten das Gefühl, dass man dieses Lied eben auch mit einem musikalischen Grundgefühl spielen kann, das vielleicht ein bisschen wie “Jolene” von Dolly Parton klingt.

ME: Jörn, war AM FENSTER Deine Idee für das Album?

JR: Nein, Michaels.

ME: Habt Ihr außer an diesen vier eigenen CDs an anderen Projekten mitgewirkt?

JR: Im Februar ist Berlin gerade eine CD unter dem Titel: “The Countryside of Berlin” erschienen. Ein Sampler mit je einem Song von, ich glaube, siebzehn Berliner Countrybands, und da sind wir auch mit einem Lied vertreten. Ein schöner Überblick über die Berliner Countryszene, erhältlich über

Bluebird Cafe Berlin Records
Maik Wolter, Karl-Marx-Allee 105 a, 10243 Berlin

Ansonsten haben wir früher manchmal als Studiomusiker für andere Interpreten gearbeitet: Reinhard Mey, Karl Dall, Western Union u.a., aber durch die knappe Zeit, die neben Fairplay noch bleibt sind wir ganz raus aus dieser Studioszene.

ME: Wann dürfen wir mit der neuen FAIR PLAY CD rechnen?

JR: Auf jeden Fall noch in diesem Jahr ( kann man im März leicht sagen ).

ME: Auf der Bühne nutzt Ihr eine Menge Instrumente. Wer von Euch kann was spielen? Und was nutzt Ihr davon auf der Bühne?

ML: Also: Jörn bedient Gitarre, Mandoline, Mundharmonika, Fiddle und jede Menge Gesang,  ich spiele Pedal Steel Guitar, 5str. Banjo, Gitarre, Akkordion, Keyboard und singen muss ich auch.

ME: Wie viele Konzerte gebt Ihr pro Jahr ungefähr?

JR: Im Schnitt so um die 130.

ME: Passiert es da manchmal, dass die Leute Euch nicht mögen? Immer wenn ich Euch gesehen habe, wurdet Ihr regelrecht gefeiert.

ML: Also, wenn das so ist, dann wirst Du in Zukunft als Gast zwangsverpflichtet, das scheint ja unsere Erfolgsgarantie zu sein. Aber ganz im Ernst – wir können uns nicht beklagen. Der beste Gradmesser ist immer, ob Du gleich wieder verpflichtest wirst und das werden wir eigentlich immer.

ME: Eure Konzerte sind nicht nur Musik pur, sondern auch Entertainment. Bei mir kommt es so an, als würdet Ihr es ernst nehmen die Leute so gut es geht zu unterhalten. Das vermisst man ja schon manchmal bei einigen anderen Musikern. Erzählt doch mal von Eurer Einstellung zu den Fans.

ML: “Nur” Musik machen bzw. hören, das kann man auf CD besser – wenn live angesagt ist, dann muss schon ein bisschen mehr passieren. Da müssen auch Emotionen dabei sein und die muss man auch zeigen können – egal ob lustig oder ernst. Entertainment muss ja nicht heißen, dass da nur geblödelt oder geschunkelt wird, auch ein ernstes Anliegen kann man  packend oder langweilig darbieten. Als Musiker schafft man durch seine Art des Auftritts immer einen Rahmen für den eigentlichen Inhalt – nämlich die Songs und die Musik. Man kann das ganz simple mit einem Abendessen in einem Restaurant vergleichen: selbst wenn das Essen gut ist, kann ein  unfreundlicher Kellner reichen, um das Lokal nie wieder zu besuchen – dafür gibt es einfach zu viele andere Lokale, die sich mehr Mühe geben. Und umgekehrt wird aus einem 0815 Bauernfrühstück ein leckeres Abendessen, wenn es nett serviert wird und man gemütlich sitzt.

ME: Lebt Ihr eigentlich von der Musik oder habt Ihr aktuell noch andere Berufe?

JR: Um Gottes Willen, eine 60 Stunden Woche als Musiker reicht völlig !!

ME: Hauptstadt. Wie ist es in der Hauptstadt zu leben? Hat man es da als Künstler leichter, als anderswo?

ML: Ich glaube nicht. Wenn man in Berlin nicht gerade in Mitte wohnt, dann ist die Hauptstadt sehr weit weg. Dann ist Berlin eher eine Ansammlung von dicht beieinander liegenden “Kleinstädten”, die alle pleite sind.

ME: Das war toll. Vielen Dank für das Interview. Jörn, Michael wir werden uns sicher bald wieder irgendwo im Land treffen.

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