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Seit einiger Zeit wusste ich schon, dass Jason Ringenberg, der ehemalige Frontmann von Jason & The Scorchers ein Gastspiel in Hamburg geben wird
. Leider hatte ich inzwischen vergessen, wo dies stattfinden sollte. Irgendwo am Kiez, irgendwas mit Tanz - Tanzhalle, Tanzpalast oder Tanzhaus
musste es sein. Ich machte mich daher am 23. Oktober auf den Weg zur Reeperbahn. Ich dachte mir, der Club müsste zu finden sein. Nachdem ich
aber eine Weile über die Meile der bunten Lichter gelaufen war, vorbei am Panoptikum, Prostituierten, einem Kamerateam - dass grad Hermann und
Tietjen ins rechte Licht setzte - und einer wirren Mischung aus Berbern und Touristen, wusste ich mir nicht mehr zu helfen und ging in Deutschlands
berühmteste Polizeiwache. Die Davidwache. Sehr freundlich versuchte eine junge Beamtin rauszufinden, wo der Tanz-Club sein könnte. Auch
alle rein und raus gehenden Kollegen wurden befragt, doch keiner kannte das Lokal. In dieser Gegend ist dies eher ein gutes, denn ein schlechtes Zeichen
. Erst ein Blick in Computer half. Die Polizei am Kiez hat eine Liste, in der alle Veranstaltungen
eingetragen sind. So fand die Beamtin raus, dass der Laden Tanzhalle heißt und in der
Silbersackgasse ist. Die Silbersackgasse ist eine der Straßen, für die die Bezeichnung Kiez am besten zutrifft. Schäbig-nostalgische Kneipen und Tätowierer prägen das Bild der Gasse. Einmal die
Straße rauf, einmal die Straße runter, doch keine Spur von der Tanzhalle. Also zweiter Versuch. Ganz am Ende der Gasse eine offene Tür, davor ein paar
Leute, an der Tür ein Schild: "Einlass 21 Uhr, Beginn ca. 22 Uhr, 8,- Euro". Das musste es sein. Von außen aber kein Hinweis auf den Namen des Clubs, kaum
Licht schien durch die offene Tür auf die Straße und eigentlich sieht das Eckhaus abbruchreif aus. Aber tatsächlich sollte hier Jason Ringenberg auftreten. Im
Inneren minimal Beleuchtung. Ein Tresen, der überwiegend aus Gehwegplatten gebaut war. Die Wände und die Decke im "farbenfrohen" schwarz.
Kaum größer als 70 Quadratmeter schätze ich die Tanzhalle, in einer Ecke eine kleine Bühne.
Der kleine Laden war gut besucht. Viele skurrile Leute
, zugedröhnte Punks, lustige Studenten und Teddyboys. Kaum jemand war aber zufällig dort, sie alle waren gekommen, um Jason Ringenberg zu sehen
. Als dieser wenige Minuten nach 22 Uhr auf die Bühne kam, wurde deutlich, dass hier viele alte Scorchers-Fans versammelt waren. Jason war alleine
und begleitete sich selbst auf der akustischen Gitarre. Abwechselnd spielte Jason Songs, die ihm grad so
einfielen oder ging auf Publikumswünsche ein. Zu vielen Liedern hatte er eine kurze Geschichte zu erzählen. Das Publikum hörte auch gebannt zu und konnte über die, großenteils selbst-ironischen,
Witze herzhaft lachen. Am lustigsten wurde es, als er erzählte, wie er zu Beginn der Karriere von Jason & The Scorchers viele andere Musiker und Stars
kennen lernte und viele ihm, voller Stolz, ihre goldenen Schallplatten und sonstigen Auszeichnungen zeigten. Er sagte damals war er neidisch, heute hingegen
muss er feststellen, dass viele von den alten Kollegen nicht mehr im Geschäft sind, er selbst aber immer noch Konzerte in Hamburg geben könne, und zwar vor
vollem Haus und in erstklassigen Clubs. Song für Song wurde zum Besten gegeben. Unterhaltsam dabei Jasons eigenwillige Bühnenpräsenz. Er zappelte und
schüttelte sich und musste er grad nicht singen und schlug nur die Gitarre an, dann drehte er sich gern mal um die eigene Achse, wobei er dies so schnell tat,
dass ich manchmal Angst hatte er würde das Gleichgewicht verlieren. Das Konzert war ein Streifzug durch zwanzig Jahre Jason & The Scorchers und die
daran anschließende Solozeit von Jason. Viele Songs aus der aktuellen CD wurden zu Gehör gebracht, so war eines der Highlights sicher der Titel A Bible And A
Gun, der auf der CD im Duett mit Steve Earle zu hören ist. Aber auch die alten Scorchers Hits, wie Broken Whiskey Glas fehlten nicht.
Nach schlappen neunzig Minuten sollte das Konzert zu
Ende sein, doch das Publikum forderte lautstark Zugabe. Jason ließ sich nicht lange bitten und kam zurück auf die Bühne, um einige weitere Songs zu spielen. Doch
auch danach hatte das Publikum noch nicht genug. So kam Mister Ringenberg auch noch zur zweiten Zugabe auf die Bühne und spielte wieder ein paar Songs. Danach
sollte Schluss sein und Jason machte sich auf zum Soundmischpult, von wo er seine CDs verkaufen wollte. Doch das immer noch tobende Publikum gab nicht auf,
unermüdlich erschallte lautstark: "Zugabe, Zugabe". Jason Ringenberg ging erneut auf die Bühne. Diesmal
stellte er das Mikrofon bei Seite, schloss seine Gitarre nicht an die Verstärker an und sang einfach so drauf los. Das Publikum ließ es sich nicht nehmen und sang den
Refrain laut mit. Ein wirklich krönender Abschluss für ein ungewöhnliches Konzert im skurrilerem Rahmen. Ohne Pause ging Jason dann zu seinen CDs und verkaufte eine
große Menge davon, auf Wunsch natürlich handsigniert. Das Publikum war immer noch so euphorisch, dass eine Dame sich sogar spontan oben rum
entblößte. Sie wollte eindeutig die Nacht mit Jason verbringen, ob sie jedoch ans Ziel kam entzieht
sich meiner Kenntnis. Alles in allem jedenfalls ein ungewöhnlicher aber schöner Abend mit guter Musik, die nur durch die recht schlechte Soundanlage ein wenig litt.
Thomas Fürst Mehr Informationen zur WESTERN MAIL unter: www.western-mail.de
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